Geschichte der Apostel – oder Geschichte des Heiligen Geistes?

Ein etwas „anderer Blick“

Ein etwas «anderer Blick « auf Apostelgeschichte 1-13.

«Das klingt ja wie in der Apostelgeschichte» – höre ich meist in Verbindung mit eindrücklichem Gemeindewachstum und übernatürlichem Eingreifen Gottes.

Weniger häufig höre ich diesen Satz im Zusammenhang mit effizienter Unterdrückung des christlichen Glaubens (physisch oder psychisch/weltanschaulich) – und schon gar nicht im Blick auf die Bedeutungslosigkeit der Kirche im «christlichen Westen».

Ja, es stimmt: Das Evangelium hat den Kulturraum in den ersten Jahrhunderten absolut atemberaubend durchdrungen, das gilt es ohne Abstriche und mit grosser Dankbarkeit Gott gegenüber festzuhalten. Was ich aber lange kaum beachtete, sind die damit verbundenen inneren Lernprozesse der ersten Christen. Es fiel ihnen nicht in den Schoss, Teil des globalen Erlösungsplanes Gottes zu werden! Gott hat sie facettenreiche Wege geführt, auf denen die Gemeinde gewachsen – oft auch gestolpert ist!

Und wo stehen wir heute damit?
Wenn wir den globalen Kulturraum des 21. Jahrhunderts betrachten, so sind die Gegensätze – auch in der «globalen Christenheit» – immens: Vor allem in der südlichen und teils auch östlichen Hemisphäre freuen wir uns über dynamische Wachstumsschübe christlicher Gemeinden. Mit welchen Kosten das oft verbunden ist, bleibt dabei gern im Hintergrund. Und gerade die Widerstände sollten uns aus der Apostelgeschichte (und den Briefen) vertraut sein!
Das westliche Christentum hingegen ist auf dem Rückzug.

Welche Lernprozesse hat Gott für und bereit

In der Apostelgeschichte – und dann auch in den Briefen – können wir viel über Gottes Absicht und Kreativität lernen. Beharrlich, geduldig und überraschend verfolgte er mit hingegebenen, auch stolpernden Jüngern – und streitenden Gemeinden(!) – die Ausbreitung seines Reiches in unserer Welt.
Michael Green fasst es so zusammen: «…Ihr Leben in der Gemeinschaft war alles andere als vollkommen… Dennoch war es so anders und so eindrucksvoll, dass es die Aufmerksamkeit anzog, zur Neugierde reizte…. Das Heidentum sah im Christentum eine Art zu leben und besonders zu sterben, wie man sie sonst nirgends finden konnte. … Ihre (der Christen) Sorge galt diesem Leben, und doch hatten sie nicht das Gefühl, dass es das grösste Übel sei, es zu verlassen.» (Evangelisation zur Zeit der ersten Christen, S. 317,320)

Solche Ausstrahlung treffen wir in allen Zeiten der Kirchengeschichte immer wieder an – aber in der «traditionell christlichen Welt» erleben wir sie heute doch eher vereinzelt. Da sehne auch ich mich nach einem «Apostelgeschichte-Erweckungsschub». Ich schreibe das mit hohem Respekt für alle mit Herzblut vorangetriebenen Initiativen und auch mit echter Freude über viele positive Signale, die durch Christen in unsere Gesellschaft ausgesendet werden. Unterschätzen wir das nicht!
Dennoch – ist unser «wehmütiger Blick» in die Apostelgeschichte oder in die Erweckungsgebiete unsere einzige Antwort auf unsere Sehnsucht nach der Ausbreitung des Reiches Gottes auch bei uns? Die Entdeckung eines anderen Fokus hat mich inspiriert: Geht es eigentlich um die Geschichte der APOSTEL oder nicht viel mehr um die des HEILIGEN GEISTES?

Das wirken des Heiligen Geistes

Wie hat es der Heilige Geist «geschafft», die damalige Welt zu verändern – trotz Jüngerinnen und Jüngern, die genauso in ihren eigenen Vorstellungen verhaftet waren wie wir heute es oft sind? Nein – die ersten Christen waren nicht einfach «Evangelisations-Turbos». Aber der Heilige Geist hat sie gebraucht und – oft durch schmerzhafte Prozesse hindurch – zu überzeugenden Botschaftern gemacht.
Ich möchte noch besser wahrnehmen, wie Gott seine Geschichte mit der Welt sieht und gestaltet. Das ist der Hauptfokus der Bibel überhaupt! Die Apostelgeschichte wächst aus den Evangelien und ihren heilsgeschichtlichen Zuspitzungen heraus:

Palmsonntag – das Volk bejubelt den König Israels – grosse Hoffnung – wird Christus jetzt die ultimative Gottesherrschaft aufrichten?
Und die Stimmung kippt unvermittelt:
Karfreitag – alle Hoffnungen der Jünger definitiv begraben. Dasselbe Volk, das vor ein paar Tagen «Hosianna» rief, ruft heute «Kreuzige ihn»!
Ostern – das Geheimnis des Lebens, der Erlösung geht übers Kreuz. Einige lernen es zu begreifen….  40 Tage lehrt Jesus seine Jünger nochmals, bevor er sie an
Auffahrt aussendet von Jerusalem bis ans Ende der Welt. In vollem Bewusstsein, dass die Kraft nicht in den Jüngern liegt!  «Einige zweifelten…» heisst es in Mt. 28,17 lapidar.
Pfingsten – 50 Tage nach Ostern kommt der Heilige Geist und verändert die Jünger radikal.

Also – endlich alles klar? Mmh – der Heilige Geist hatte ziemlich viel zu tun, um die Jünger von Gottes Strategie zu überzeugen… Sie war klar deklariert (Apg. 1,8):
Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen und durch seine Kraft  meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa, in Samarien und auf der ganzen Erde.

Der Heilige Geist ist zentrifugal – da geht es um Grenzüberschreitungen! Aber das ist nicht automatisch passiert! Gott musste nachhelfen, denn unserer (alten) Natur gemäss sind wir zentripedal… Wir fallen auf uns zurück – wir drehen uns um uns selber. Deshalb brauchen wir die Kraft des Heiligen Geistes – er will MIT UNS ZUSAMMEN die Welt verändern. In Apg. 8-13 entdecken wir einen Teil der damaligen Lernkurve.

Heimat Jerusalem – Die „Traumgemeinde“(2,42ff) – sie fühlt sich wohl, geniesst Respekt UND wird bedroht (8,1)
Nachbarschaft Judäa/Samaria – Nur dank(!) der Verfolgung in Jerusalem breitet sich das Evangelium aus (8,4) – löst Freude aus – ausgerechnet bei den «verwandten 2.-Klass-Juden», den Samaritanern! Das weckt eher Skepsis bei den Aposteln (8,14); Philippus war schliesslich «nur» Diakon. Wir können uns nicht vorstellen, was für einen Paradigmenwechsel die Apostel zu vollziehen hatten: Christus, König und Heiland NICHT NUR der Juden?! Christ werden – «einfach so»? Ohne jüdische Sozialisation?
Der Heilige Geist schenkt gerade ihnen ein «Extra-Pfingsten» um zu unterstreichen: Das Heil überschreitet Grenzen! (8,25)
Nahe Welt, der Äthiopier (8,26ff) – er war eindeutig nicht mehr «verwandt» – aber ein Gottsucher, der im Tempel Jerusalems nicht (mehr) fündig geworden war… Kam so das Evangelium nach Äthiopien?
Ferne Welt, Alle Völker – Jesus wählte einen Mitarbeiter mit spezieller Vergangenheit für einen speziellen Dienst: Paulus, der eifrige Rechtgläubige, wird mit einem globalen Auftrag betraut! (9,15)
Petrus braucht eine spezielle interkulturelle Lektion, um Gottes Sicht für die «feindliche Welt» zu bekommen (10,28+34f). „Jetzt erst habe ich richtig verstanden…» Wer hat sich hier wohl «mehr bekehrt»? Kornelius oder Petrus? – Und der Lernprozess für Petrus ist auch noch nicht abgeschlossen – vgl. Gal. 2,11ff.
Globale, multikulturelle Gemeinde – (Kap. 11-13) Es ging nicht nur darum, dass einzelne Menschen aus andern Völkern Gott kennen lernen – Gott beruft sich EIN NEUES VOLK AUS DEN VÖLKERN: Die Gemeinde!!
Antiochia war ein eigentlicher Mikrokosmos des römischen Altertums – ein Mix von Kulturen und Religionen! Die Gemeinde ist ein Prototyp für Integration! Die Zusammensetzung der «Gemeindeleitung» spricht Bände:
– Barnabas, (levitischer Grundbesitzer aus Zypern)
– Simeon, der Schwarze (aus Schwarzafrika)
– Lucius von Kyrene (hellenistischer Jude aus Nordafrika),
– Manahen, mit König Herodes erzogen (aus der Oberschicht)
– Saulus (streng erzogener Jude und Römer).Und ihr Blick ging weiter hinaus in die weltweite Dimension des Reiches Gottes: 13,2

Lernkurve garantiert!

Gott blieb und bleibt dran, seinen Plan für die ganze Welt zu realisieren – aber nicht ohne uns! Ich möchte in meiner Lektüre des Neuen Testaments weniger bei den mehr oder weniger löblichen Taten der Jüngerinnen und Jünger Jesu verharren als vielmehr auf die zentrifugalen Impulse, Korrekturen, Perspektiven des Heiligen Geistes achten. Wie hat er Gottes Ziel in der Welt verfolgt – innerhalb der Gemeinde und in ihrem näheren und ferneren Kulturraum? Welche frohen und schmerzhaften Prozesse hat er benutzt, um Menschen tiefer mit sich zu verbinden und sie fruchtbar werden zu lassen? Was kann ich heute daraus lernen – es in meiner Umgebung leben?
Vielleicht regt dieser Beitrag an, die Apostelgeschichte (v.a. 1-13) und Galater 1+2 einmal im Fluss und unter diesen Gesichtspunkten zu lesen! Lernkurve garantiert!

In ganzer Abhängigkeit von ihm, in der Kraft des Heiligen Geistes radikal Jesus nachfolgen; so setzt sich Apostelgeschichte heute fort. Wir wissen: Der Heilige Geist wird das Ziel erreichen – die Vollendung des Reiches Gottes!

Martin Voegelin