Anforderungen an eine vorausschauende CH Finanz Architecture

Einführung

Im März 2023 musste die Credit Swiss (CS) als systemrelevante Schweizer Bank unter Anwendung von Notrecht mit hohem finanziellen Einsatz gerettet werden, um eine Notübernahme durch die UBS zu ermöglichen. Wie konnte es so weit kommen? Ein Vorgang, der nachdenklich stimmen muss und zum Weiterdenken auffordert! Zum gemeinsamen Weiterdenken einen Beitrag aus Sicht eines Corporate Insurers und Business Consultant für den Think Tank CornerStone. Ein Working Paper zum Weiterdenken von bisherigen Erkenntnissen, neuen Herausforderungen und Leadership im Finanzsystem.

1 Monitoring: Entwicklungen im Zusammenhang

Die Credit Swiss (CS) befand sich seit einigen Jahren in verschiedenen Krisen. Im Oktober 2022 wird staatliche Unterstützung durch die SNB sichtbar. Eine erforderliche Massnahme, um die CS als systemrelevante Bank zu stützen, um Vertrauen im Markt zu bewirken. Doch der Markt hat eine andere Beurteilung. Der Bank Run auf die CS hält an und verstärkt sich von Monat zu Monat. Im März wird klar, dass die CS dieser Entwicklung nicht standhalten kann und kurz vor dem Liquiditätsverlust steht. Die Zahlungsunfähigkeit der CS als systemrelevante Bank hätte eine Krise mit unübersehbaren Folgen im weltweiten Bankensystem und für die Schweiz zur Folge.

Durch die Too big to fail Gesetzgebung hätte eine solche Entwicklung verhindert werden sollen. Doch nach Einschätzung der handelnden Personen (Bundesrat, Finanzaufsicht und SNB) war die Anwendung unter den gegebenen Voraussetzungen nicht durchführbar. Sie entschlossen sich, Notrecht  anzuwenden, um eine kurzfristige Übernahme der CS durch die UBS zu ermöglichen.

Einsichten gewinnen

Wir befinden uns erst am Beginn eines komplexen Klärungs- und Umsetzungsprozesses. Dies wird auch durch die „ECKWERTE DER PUK BETREFFEND NOTFUSION DER CREDIT SUISSEhttps://www.parlament.ch/press-releases/Pages/mm-puk-2023-05-30.aspx deutlich.

„Zu untersuchen ist die Rechtmässigkeit, Zweckmässigkeit und Wirksamkeit der Tätigkeit der genannten Behörden und Organe, sowie deren Zusammenwirken untereinander und mit Dritten.“ Und dies über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

Komplexität durchdringen

Kommunikation, Prozesse und Leistungserbringung im Finanzbericht finden global, digital und live statt. Komplex und schwer durchschaubar. Doch wir sind in der Schweiz durchaus in der Lage, komplexe Infrastrukturen zu bauen und transparent zu betreiben. Beispiel Stromversorgung. Wir verfügen über eine gute Infrastruktur und einen stabilen Betrieb für unsere Versorgung. Für eine flächendeckende Versorgung müssen die Netze ständig unter gleicher Spannung gehalten werden. Ein gutes Beispiel, wie komplexe Anforderungen gut gemanagt werden, auch bei der Bewältigung der letzten Energiekrise. Es ist auch ein Beispiel für das Zusammenspiel aller Beteiligten und für Krisenresistenz.

Ein Blick auf den Bankenbereich zeigt grosse Unterschiede. Die Infrastruktur ist stabil und leistungsfähig. Anders im Bankbetrieb. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und der Globalisierung treten grosse Schwankungen in der Liquidität auf, mit denen nicht gerechnet wurde! Dies wird inzwischen auch von Verantwortlichen bestätigt. Die Aufarbeitung in PUK ist somit ein wichtiger Teil, um Einsichten im Umgang mit Komplexität zu gewinnen.

Es ist aber auch eine Herausforderung an uns alle. Über die künftige Finanz Infrastruktur und die jeweiligen Betriebsbedingungen, wie der Risikovorsorge wird am Ende politisch entschieden. Die Meinungen und Lösungsansätze gehen sehr weit auseinander. Die Nebenwirkungen der Varianten sind schwer durchschaubar. Für ein vorausschauendes, krisenresistentes Schweizer Finanzsystem braucht es ein gemeinsames Grundverständnis sowie einen Überblick über Zusammenhänge und Auswirkungen von Entscheidungen.

2 Schweizer Banken im globalen Finanzmarkt

Global Digital

Finanzmärkte arbeiten global digital. Wir heben gerne hervor, dass die Schweiz eine anerkannte, führende Rolle im weltweiten Finanzmarkt hat. Sie soll die weltweit tätige Schweizer Wirtschaft unterstützen und als Drehscheibe für internationale Finanzgeschäfte dienen. Eine Infrastruktur für Sicherheit und Wohlstand, abgesichert durch Gesetze, Aufsicht und erfahrenes, qualifiziertes Management.

Warum war trotzdem Notrecht erforderlich? Warum kommt es zu einer Konzentration im Schweizer Bankenbereich, die keiner gewollt hatte? Noch nicht einmal die übernehmende UBS. Wir sind gerade dabei zu verstehen, dass Annahmen getroffen wurden, die nicht der Realität entsprechen und mit einer noch grösseren systemrelevanten Bank neue Fragen und noch grössere Risiken entstehen können. Die Vorstellungen über die notwendigen gesetzlichen Anpassungen und der Rahmenbedingungen für die Finanzaufsicht liegen weit auseinander.

Um einen tragfähigen Dialog zwischen allen beteiligten Entscheidern zu ermöglichen, müssen wir die unterschiedlichen Geschäftsmodelle Schweizer Banken und Finanzdienstleister in der Schweiz und international in ihrer Grundausrichtung verstehen.

Wie soll es sonst zu qualifizierten politischen Entscheidungen kommen?

Unterschiedliche Geschäftsmodelle

In vielen Diskussionen, auch im politischen Raum, werden zu einzelnen Themenbereichen
(wie Eigenkapital, Bonus, Aufteilung / Trennen von Bereichen, gesetzliche Regelungen) Forderungen erhoben, die aus Sicht der jeweiligen Interessenvertreter mehr oder weniger verständlich klingen, aber oft nur einen Teil der verschiedenen Aspekte beinhalten und damit zu nichtgewollten Nebenwirkungen führen.

Im Geschäftsmodell Schweiz müssen wir mehr Klarheit bekommen,

  • welche Bankgeschäfte für uns in der Schweiz von grundlegender Bedeutung sind und zur Finanz Infrastruktur gehören,
  • welche Bankgeschäfte aus wirtschaftlichen Gründen für die Schweiz bedeutsam sind,
  • welche Bankgeschäfte nicht den vorgenannten Prioritäten entsprechen.

Bewertungsmatrix

Für einen sachgerechten Dialog braucht es eine von unabhängigen Fachleuten erstellte und betreute Bewertungsmatrix. Unmöglich? Keineswegs!

Die Swiss Re ist nicht nur der zweitgrösste Rückversicherer weltweit, die Swiss Re verfügt auch über ein ausgezeichnetes Risk Consulting, das weltweit und in vielen Bereichen Anerkennung und Beachtung findet. Die Swiss Re kann somit viele der relevanten Fragen im Kontext komplexer Zusammenhänge mit eigenen Ressourcen und durch ergänzendes Research gut beantworten. Eine Informationsquelle, die wir nutzen sollten.

3 Risiko Management Bankgeschäfte

Risikobereiche definieren

Schweizer Banken sollten in der Hauptsache der Versorgung der Bürger in der Schweiz, deren Institutionen und der Schweizer Wirtschaft dienen. Die Einstufung nach Risikobereichen ermöglicht ein Finanzdispositiv nach unterschiedlichen Bereichen und Risikokategorien. Beispiel für ein Grobraster nach Prioritäten:

  •  Bürger, Institutionen und Schweizer Unternehmen
  • Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, deren Kapitalanteile und/oder Bilanzvolumen sich mehrheitlich ausserhalb der Schweiz befinden
  • Finanzgeschäfte ohne Bezug zur Schweiz, wie z. B. spekulative Derivate

Aus anderen Teilen der Wirtschaft lernen

Aus meiner Erfahrung als Corporate Insurer sehe ich, dass die Swiss Re auch als Risk Consultant einen wertvollen Beitrag zur Risikoanalyse und Risikobewertung leisten kann
(s. unter 2 Bewertungsmatrix). In diesem Zusammenhang ist auch ein Blick auf Corporate Insurance und Corporate Banking aufschlussreich. Beide sind für dieselbe Kundengruppe weltweit mit Finanzdienstleistungen tätig. Sie unterscheiden sich jedoch grundlegend im Riskmanagement. Corporate Insurer verfügen z. B. auch über eine qualifizierte Kontrolle von kumulierenden Risiken (Kumulkontrolle), die auch die Liquiditätsplanung einschliesst.

Der weltweite digitale Bank Run bei der CS zeigt, dass offensichtlich ein grosser Nachholbedarf für Risikoanalyse und Risikobewertung für Finanzdienstleistungen besteht!

4 Architecture Swiss Banking

Im komplexen Geflecht von Bankgeschäften braucht es eine verständliche Finanz Architecture für das Gesamtbild und zur Einordung von Einzelthemen. Beispiele:

Eigenkapital

Abstufungen nach Kategorien:

Bankgeschäfte, die für uns in der Schweiz von grundlegender Bedeutung sind, zur Finanz Infrastruktur gehören und in der Schweiz abgewickelt werden.

Kategorie A niedrige Quote

Internationale Bankgeschäfte, die aus wirtschaftlichen Gründen für die Schweiz bedeutsam sind und von der Schweiz aus abgewickelt werden

Kategorie B mittlere Quote

Bankgeschäfte, die keinen wirtschaftlichen Bezug zur Schweiz haben

Kategorie C hohe Quote

Bankgeschäfte mit Finanzprodukten und Finanzdienstleistungen, die sich nicht auf ein reales Geschäft beziehen, wie z. B. spekulative Derivate

Kategorie D unerwünscht

in der Bilanz einer Schweizer Bank nicht erlaubt.

Liquidität

Entwicklung von Regeln zur Liquiditätsplanung unter Berücksichtigung der Digitalisierung.

Festlegung zeitlicher und vertraglicher Obergrenzen bei einem Bank Run.

Einführung von Kumul Obergrenzen in Abhängigkeit zum Eigenkapital.

Bonus Regelungen

Regulärer Bonus

Bis zu zwei Monatsgehältern, wenn das Jahresergebnis dies zulässt.

Ergebnisabhängiger Bonus

Erfüllung des Finanzdispositivs

  • Risikovorsorge nach Risiko Kategorien
  • Liquiditätsvorsorge unter Berücksichtigung eines Kumuls
  • Eigenkapitalquote im Verhältnis zur Risikovorsorge und Liquiditätsanforderungen
  • Gewinn über die letzten fünf Jahre

Finanzaufsicht

  • Ergänzung der inhaltlichen Regelungen, wie einem Finanzdispositiv
  • Stärkung der Finanzaufsicht inhaltlich und vor allem operativ. Zum Beispiel durch Einbestellung der obersten operativen Führung zum Rapport und für die Darstellung von Szenarien für die Umsetzung von Plänen, wie es für Schweizer Banken auch im Ausland erfolgt (s. entsprechende Berichte Grübel, Ackermann).

5 Leadership praktisch

Verantwortung wahrnehmen

Wir befinden uns in einem Jahr von Entscheidungen! Über die erforderlichen Rahmen­bedingungen wird intensiv diskutiert und je nach Interessenlage unterschiedlich argumentiert. Die Finanzwelt, in der Diskussionen und Meinungsbildung stattfinden, ist sehr komplex, global und digital und weiterhin schnellen Veränderungen unterworfen.

Wie könnte ein Fahrplan für die nächsten Stationen aussehen?  (1) Wir müssen zu der Einsicht kommen, dass wir nicht so weiter machen können. (2) Es braucht eine Reformation in unserem Denken und Handeln, in unserer gemeinsamen Verantwortung. (3) Es braucht einen breiten Konsens für eine bescheidenere Ökonomie.

Hinweis: Bei Klaus Wellershoff https://www.wellershoff.ch/de/kontakt/ findet man mit seinem «Plädoyer für eine bescheidenere Ökonomie» z. B. wertvolle Gedanken für Reformen und eine solide Finanz Architecture in der Schweiz.

Nicht alles, was machbar ist, ist auch wertvoll. Die biblische Grundlage von Saat und Ernte, von Baugrund und Bauweise gibt uns die Richtung vor. Wenn wir über Gier reden, dürfen wir nicht nur auf Exzesse und einige Personen, die im Rampenlicht stehen, schauen. Wir müssen uns auch fragen, wo wir mit unserem Verhalten Systeme unterstützen, die wir in unseren Wertvorstellungen ablehnen. Märkte, auch Finanzmärkte, funktionieren nur, wenn es Kunden gibt, die die angebotenen Leistungen auch kaufen.

Wir müssen bei der Meinungsbildung mehr auf Ursache und Wirkung achten. Kurz einige Gedanken zum gemeinsamen Weiterdenken.

Architecture und NavigationsPunkte

Architecture und NavigationsPunkte zur Bestandsaufnahme und die Ausrichtung auf die künftigen Entwicklungen.

Monitoring

  • Die Finanzmärkte 2023
  • Individuelles und systemisches Versagen
  • Aktueller Lernprozess

Geschäftsmodell Schweiz

  • Übersicht Finanzgeschäfte Schweiz (national und international)
  • Finanz Infrastruktur Schweiz
  • Finanzgeschäfte ausserhalb der Finanz Infrastruktur

Finanz Dispositiv

  • Definition Geschäftsmodell Schweiz
  • Matrix Risikokategorien
  • Aufsicht: Regeln. Verantwortungen. Umsetzung.

Gemeinsam interdisziplinär weiterdenken …

Die Bearbeitung dieses Prozesses erfordert die Bereitschaft, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und in interdisziplinären Teams weiterzudenken. Teams mit Erfahrungen aus Wirtschaft, Banken, Digitalisierung, Politik, Administration, Kirche und Gemeinden.

Hierzu nochmals einen Hinweis auf die Energieversorgung. Mit viel Expertise und breiter Erörterung ist ein besseres Verständnis von komplexen Zusammenhängen entstanden. Damit ist die Bereitschaft für Veränderungen im Energiebereich deutlich gewachsen. Ein gutes Beispiel, aus dem wir in der Vorgehensweise lernen können.

Für den Think Tank CornerStone ist das Weiterdenken der vorstehenden Themen ein Schwerpunkt. Herzliche Einladung zum interdisziplinären Research und dem Austausch mit Interessierten, mit einzelnen Personen und Gruppen. Wo siehst du deinen Beitrag zur Leadership in einem Querschnittsthema, dass uns ALLE betrifft, persönlich und dort, wo wir in Verantwortung stehen?

Bild: Elnur – Shuttestock.com

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