wachsam ermutigen!

Gedanken aus TTC Treffen vom 04.03.2024 in Winterthur

Präambel

Als TTC online sind wir gemeinsam unterwegs. Als Kerngruppe treffen wir uns regelmässig zweimal im Monat online für Research und zum Weiterdenken. Aktuelle Entwicklungen und biblische Perspektiven versuchen wir miteinander in Verbindung zu bringen und so teilzuhaben an der Entwicklung des Reiches Gottes in unserer Welt.

Unser Präsenztreffen am 04.03.2024 im Gate 27 in Winterthur diente dazu, nächste Schritte auf diesem Weg zu gehen und auch einen weiteren Personenkreis einzubeziehen. Einige waren trotz Interesse verhindert – sie sollen hier an unserer guten gemeinsamen Zeit von Input und Austausch teilhaben. Wir wünschen uns, dass wir miteinander im “wachsam ermutigen” unterwegs bleiben.

1 Wachsamkeit „Umbrüche“

Kurzer Rückblick auf geopolitische Entwicklungen

Wir begannen diesen Teil mit einem kurzen Blick auf die letzten 80 Jahre: (1) Nach dem Kriegsende kommt es zu einer neuen Nachkriegsordnung von Ostblock und Westblock.  (2) In den 1980-er Jahren macht sich Osteuropa auf den Weg gen Westen. (3) Zur Jahrtausendwende dominiert mit den USA nur noch eine Weltmacht, politisch und wirtschaftlich (4) In den 2010-er Jahren entwickelt sich China zu einer neuen Weltmacht. Die USA und China befinden sich seit 2020 in einem systemischen Wettbewerb, der weltweite Spannungen auslöst.

Der systemische Wettbewerb fordert Veränderungen in den Werteordnungen, Überwindung der westlichen Dominanz. Eine Forderung nicht nur von China, sie kommt auch immer stärker von den Ländern des globalen Südens (z. B. den BRICS-Ländern). Russland führt bereits Krieg, um die eigenen Forderungen gewaltsam durchzusetzen. Wohin führt dieser weltweite systemische Wettbewerb?

Die Dynamiken von Digitalisierung und Globalisierung

Keine lineare Entwicklung

Veränderungen, vor allem wenn sie herausfordernd sind, möchten wir lieber vermeiden und wo dies nicht möglich ist, stellen wir uns bestenfalls auf eine lineare Fortentwicklung ein, verbunden mit der Erwartung, dass technischer Fortschritt die Herausforderungen minimiert.

Doch Digitalisierung und Globalisierung bringen nicht nur mehr Leistung, mehr Wohlstand, sie ermöglichen auch mehr Wettbewerb und kriegerische Auseinandersetzungen, militärisch, wirtschaftlich und geopolitisch. Dabei spielt die Digitalisierung durch KI die führende Rolle.

Komplexität und Leadership

Im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung laufen die Veränderungen jedoch nicht nur schneller, sie erfassen uns weltweit gleichzeitig. Wir leben in einer Komplexität, die nur schwer steuerbar ist, unser Denken und Handeln überfordert.

Unsere Herausforderung im Westen: Der Vorsprung und damit auch der Einfluss des Westens sind geschwunden. Eine ungewohnte Situation, die wir zur Kenntnis nehmen, aber uns nicht wirklich darauf einstellen!

Die Durchdringung von Komplexität beschäftigt uns sehr, da es eine zentrale Aufgabe von Leadership ist! So war es auch beim Präsenztreffen. Beim Zusammentragen fanden wir auch Gedanken von Zuversicht und Orientierung. So z. B. Aussagen wie: „Die Vielfalt der Geschöpfe, die Komplexität der Wirklichkeit, die unterschiedlichen Aspekte eines Sachverhalts werden immer von einem zusammengehalten. Wer mit diesem göttlichen Geheimnis in Beziehung steht, dem wird die komplexe Welt zugänglich.“ (S.227)

Der Mensch findet seine Bestimmung, wenn er zu einer Gesamtschau der Welt gefunden hat, in der alle Dinge ihren Platz haben. Auch er selbst…” (S. 223)

Christian M. Rutishauser, Freiheit kommt von innen – Herder Verlag

Der Masterplan Gottes umfasst auch unsere Zeit, für das Reich dieser Welt und für das Reich Gottes. Wachsamkeit eröffnet den Zugang zu Gottes übergeordneter Sicht und seiner Führung. Ein Gedanke, der uns miteinander ermutigt und auch andere ermutigen soll.

TTC Team Jürgen Rintz

2 Zuversicht praktisch

Kurzfassung Interview mit Dr. Felix Ruther, geführt von Iris Fanger

Zuversichtlich und hoffnungsvoll durch die heutige Alltagswelt zu gehen, erscheint zuweilen eine Herausforderung zu sein. Wie können wir es schaffen, eine zuversichtliche Grundhaltung aufzubauen und zu bewahren und wie helfen uns dabei biblische Bezüge oder die kirchliche Gemeinschaft? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen entwickelten die TTC-Mitglieder Hanspeter Bamert und Iris Fanger den Fragebogen „Zuversicht praktisch“. Die Beantwortung dessen kann als Grundlage dienen – sowohl für Einzelperson als auch im Gemeindekontext – eine Reflektion zu den Themen Zuversicht und Hoffnung anzustoßen. Insgesamt kann die bisherige Resonanz der Fragebögen als positiv bewertet werden.

Unter dem Titel „Die großen Fragen in die Alltagspraxis bringen“ führte Iris Fanger mit Felix Ruther ein Interview entlang der Fragen des Fragebogens „Zuversicht praktisch“. Nach dem Gespräch erhielten die Teilnehmenden die Möglichkeit, Rückfragen zu stellen. Daraus entstand noch eine lebhafte Diskussion. Zur Person Felix Ruthers: Er promovierte in Chemie. Während seiner universitären Forschungstätigkeit begann er noch Theologie zu studieren. Danach verliess er die naturwissenschaftliche Forschung und wurde Studienleiter in den Vereinigten Bibelgruppen (VBG). Daneben unterrichtete er mit kleinem Pensum Chemie an einem Gymnasium.
 Zu Beginn des Interviews definierte Felix Ruther den Begriff Zuversicht für sich persönlich als eine Grundhaltung dem Leben und der Welt gegenüber. Diese basiert für ihn auf dem Glauben, dass da Gott ist, der die Welt in den Händen hält. Zuversicht sieht er eher als allgemeine Grundhaltung, während Hoffnung für ihn enger gefasst ist, da diese auf Gottes Zusagen an die Menschen beruht und eher konkrete Inhalte umfasst. Eine mögliche Strategie, angesichts widriger Umstände hoffnungsvoll und zuversichtlich zu bleiben, besteht darin, sich den möglichen „worst case“ vorzustellen. Zum einen tritt der ganz selten ein, zum anderen verliert er seine Schwere, wenn er aus dem Glauben und der Beziehung zu Gott bewertet wird. Grundsätzlich verhilft Ruther eine Grunddankbarkeit, auch am Ende eines dunklen Tunnels immer ein Licht erkennen zu können. Zuversicht aus der Bibel kann Felix Ruther vor allem über die Psalmen gewinnen, mit denen er sich täglich auseinandersetzt und darin Trost und Mut findet. Für einen Christ besteht der Vorteil darin, dass er von der Überzeugung ausgeht, Gott steht einem bei und der Mensch muss nicht die ganze Last des Lebens tragen. Allgemein ist er der Meinung, dass die Zuversicht im übertragenen Sinn durch das „Hinausgehen“ – also im ganz praktischen Lebensvollzug wachsen kann und eben nicht im Liegestuhl. Ohne Hoffnung besteht die Gefahr zur Isolierung. Ein hoffnungsvoller Mensch verbreitet Hoffnung durch sein Reden und Tun. Ein Fazit des Interviews ist: Ein großer Vorteil besteht darin, die Welt in dem Sinne zu betrachten, dass da ein Gott ist, der die Geschicke der Menschen in seiner Hand hält. 

TTC Team Iris Fanger und Felix Ruther

3 Gottes Reden wahrnehmen

Einführung  – Stille Sammeln

Im Gebet für seine Jünger (Johannes 17:11&16) beschreibt Jesus ihre zukünftige Situation so: Sie sind in der Welt, aber sie gehören irgendwie nicht dazu – sie sind nicht von der Welt. Das ist zwangsläufig ein Spannungsfeld.  Daher bittet er um Bewahrung. Ihre Daseinsrealität ist im Übergang zwischen dem begonnenen und noch nicht vollendeten Gottesreich ein „Dazwischen“. Der Herr fordert die Jünger heraus, dieses Spannungsfeld nicht passiv zu erdulden, sondern sich aktiv gestaltend am Geschehen in dieser Welt zu beteiligen. Jesus macht Mut, indem er seinen Nachfolgern den Beistand des kommenden „Parakletos“ zusagt. Dieser wird sie übernatürlich leiten.

Wie nehmen wir diese Leitung wahr und erkennen Gottes Perspektive für unsere Zeit? Diese Frage beschäftigt uns bei TTC.

A. Wir erkennen mehrere Kanäle, durch die der Herr redet:

  • An erster Stelle redet Gott durch die Schrift zu uns. Deren Kernaussagen gelten für jede Zeitepoche.
  • Er spricht durch aktuelle Ereignisse und globale Entwicklungen zu uns. Der Geist Gottes nutzt sie, uns auf den „Stand der Heilsgeschichte“ aufmerksam zu machen. Dies gilt es zu verstehen und einzuordnen.
  • Schon immer hat Gott durch Propheten zu seinen Nachfolgern gesprochen. Das gilt bis heute. Dabei ist übernatürliches Unterscheidungsvermögen nötig, um nicht einem menschlichen Mainstream zu verfallen.
    Spannend ist ein Zitat aus Jim Wallis, “Wer, wenn nicht wir?” S.77: „Propheten sind keine Wahrsager; Propheten sprechen die moralische Wahrheit aus. Sie diagnostizieren die Gegenwart und zeigen einen Weg zu einer gerechten Lösung.“
  • Besonders wichtig ist uns die Wahrnehmung in der Gemeinschaft – was haben die Geschwister gehört, wie passt es zu meiner Sicht und wo braucht es die Ergänzung, um zu einem Ergebnis zu kommen. Diese Wahrnehmung wird im Austausch gefestigt, korrigiert oder/und geschärft.

B. Die Einstellung des Hörers ist entscheidend

  • Bin ich bereit, mich durch Gottes Reden ggf. verändern zu lassen, meine Überzeugungen zu hinterfragen und vor allem würde ich dem Reden Gottes folgen, sollte es meinen Wünschen widersprechen?
  • Selbstverständlich soll dabei das eigene Denken nicht außer Acht gelassen werden. Schon in der Schöpfung hat Gott den Menschen zur Partnerschaft eingeladen und ihn dabei zu selbständigem Denken und Handeln aufgefordert. Die Herausforderung dabei ist, sich zunehmend mit Gottes Absichten zu identifizieren. Diese Absichten lernen wir im Rahmen einer intensiven Beziehungspflege kennen.

C. Unsere praktische Erfahrung bei TTC

Im Miteinander erleben wir wie sich eine gemeinsame Sicht zur Entwicklung dieses „DAZWISCHEN“ des Reiches Gottes herauskristallisiert. Geschwister in anderen Lebenswirklichkeiten haben einen anderen Blickwinkel. Dabei ist uns bewusst, dass jeder mit seinen Erfahrungen so etwas wie einen „Brief Christi“ darstellt (2. Korinther 3,3). Unser Lernprozess liegt im gemeinschaftlichen Hören – bewegen – ringen – zusammenraufen – fruchtbar machen mit dem Ziel den Weg zu finden der aus unserer Sicht Gottes Absichten beinhaltet. Die so entstehende gemeinsame Perspektive ist viel weiter als die Summe der eigenen Sichtweisen. 

Dabei rechnen wir fest mit der Verheißung, die Paulus in Epheser 3,17-18 formuliert: „Es ist mein Gebet, dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt und dass euer Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist. Das wird euch dazu befähigen, zusammen mit allen anderen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe.” 

TTC Team Gerhard Kirschenmann und Martin Voegelin

4 Fazit mit offenem Ausgang

Im «Zwischen» gibt es kein abschliessendes Fazit – es ist immer eine Momentaufnahme, die aber in eine bestimmte Richtung weisen kann. Entscheidend ist, ob wir uns in diese Richtung dann auch bewegen!

Dabei sind wir uns der Komplexität unserer Wirklichkeit bewusst. Es ist uns bedeutungsvoll geworden, dass Gott selber der Urheber der Komplexität ist. Er will sie!!  Nur wenn wir sie aus seiner Hand empfangen und uns hineinführen lassen, wird sie uns nicht zur Last, sondern zum “Bilderbuch Gottes”. Das MITEINANDER entdecken, öffnet uns Zugänge zu seiner Wirklichkeit.

Ein paar Kerngedanken, die wir weiterverfolgen wollen:

  1. Im MITEINANDER suchen und ALLES mit GOTT in Verbindung bringen.
  • Der Austausch, gerade auch mit den neu Dazugestossenen, machte uns noch deutlicher, wie wichtig ein «interdisziplinäres» Nachdenken und Suchen fundierter Erkenntnisse ist. Nur das kann verhindern, dass auch wir zu einem «Bubble» von Gleichgesinnten werden und damit letztlich unserer Gesellschaft nicht dienen können.
  • Bescheidene Anfänge diesbezüglich erleben wir als TTC CornerStone durchaus. Es ist uns auch bewusst, dass es viele Plattformen gibt, auf denen wichtige Themen bewegt werden. Unseren Beitrag möchten wir besonders unter folgender Zielangabe verstehen:
    Alles – persönliches, berufliches, gemeindliches und gesellschaftliches Leben – mit Gott und seinem Masterplan in Verbindung bringen.  Dabei stets die Vertikale UND die Horizontale, den Ewigkeitsbezug und die Alltagsrealität im Blickfeld behalten.
    Einen solchen Weg gemeinsam zu gehen, betrachten wir als unbedingt wünschenswert, ja notwendig!  Er ist anspruchsvoll – und kann auch in verschiedenen Themen-Untergruppen verfolgt werden. Von der Reich-Gottes-Sicht getragen, können sich auch die Untergruppen interdisziplinär befruchten.
  • Wie finden sich noch mehr Leute – jüngere und ältere – die sich für eine gemeinschaftliche, zukunftsorientierte und hoffnungsvolle Lernerfahrung Zeit nehmen?

B. Miteinander hören im gemeinschaftlichen Unterwegssein.
            (Siehe vierter Absatz unter Punkt 3 A)

Im nachfolgenden TTC-online Treffen haben uns Gedanken von Dallas Willard besonders bewegt (aus «Die eine sanfte Stimme – Gott hören lernen in einer lauten Welt»):
Die Stimme Gottes hören hat weniger mit einzelnen Anweisungen / konkreten Antworten auf meine Fragen zu tun als mit
– Hingabe
– selber denken, in die Mündigkeit wachsen, reifen
– in Gottes Führung / Fluss bleiben – mich durch Beziehungspflege verändern lassen:
– wollen, was Gott will, in seine Absichten hineinwachsen.

Im GEMEINSAMEN Hören geht es darum, unsere individuellen Erkenntnisse, Erfahrungen und Schlüsse wahrzunehmen und sie miteinander an Gottes Perspektive zu orientieren versuchen.

C. Leitende stellen sich der Komplexität der heutigen Wirklichkeit

Sie versuchen, sie so weit wie möglich zu verstehen und gedanklich zu durchdringen. (vgl. Zitate Christian M. Rutishauser in Punkt 1 unter Komplexität und Leadership)
Ausgehend davon versuchen sie, die ihnen Zugeordneten zu bewahren vor unangepassten Reduktionsversuchen (Reduktion der Komplexität durch Fundamentalismen oder Rückzug auf die Innerlichkeit).

Leitende leben und fördern exemplarisches, gemeinschaftliches Unterwegssein als Ort, wo Gottes Herrschaft sichtbar wird (Reich Gottes) auch wenn es erst bruchstückhaft gelingen kann!

TTC Team Martin Voegelin

Bild: Gabbiere – Shutterstock.com

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