Dein Wille geschehe: 2 Förderung des Guten

Autor: TTC Team | Dr. Felix Ruther

Förderung des Guten ist der 2. Beitrag vom TTC Team zum Workbook Dein Wille geschehe.

Wir haben mit Teil 1 Prioritätenverschiebung begonnen. In diesem Beitrag befindet sich in der Präambel eine Einführung zum Workbook. Falls du den Teil 1 noch nicht gelesen hast, empfehlen wir die Präambel und den Beitrag zuerst zu lesen.  https://ttc-cornerstone.org/dein-wille-geschehe-1-prioritaetsverschiebung/

Tägliche Nachrichten verstören

Die täglichen Nachrichten aus der Welt verstören mich. Es steigt die Frage auf: Wo ist nun Gott? (Ps 42) Weshalb greift er nicht ein, um die Mächtigen vom Thron zu stürzen (Lk 1,52)?

Gemäss meinem Naturell wünschte ich mir nicht jenen Gott, der sagt: Steck dein Schwert ein (Mt 26,52) oder der mich mahnt, geduldig auf die Ernte zu warten, um ja nicht den wertvollen Weizen zu zertrampeln (Mt 13,29), und dessen Geduld mit der Welt, die Geduld des Ausschau haltenden Vaters ist (Lk 15,20), der Zeit zur Umkehr gewährt.

Wie soll ich mich in diesem Dilemma verhalten? Einerseits wird mir bewusst, dass ich mehr Zurückhaltung in meinem Newskonsum üben und mehr auf die Knie gehen muss. Gott selber – nicht meine Vorstellungen von ihm – muss mehr Raum in mir gewinnen. Und der Blick auf ihn öffnet meine Augen für all das Schöne, den guten Weizen, der eben auch wächst. In dieser Situation sind mir Worte aus Etty Hillesums Tagebücher eine Inspirationsquelle geworden. Im vollen Wissen, dass ihr Weg als Jüdin in die Vernichtung führen wird, kauft sie Rosen, sieht den blühenden Baum vor ihrem Fenster und kann schreiben: «Und dennoch komme ich immer wieder zu demselben Schluss: Das Leben ist schön. Und ich glaube an Gott. Und ich will mittendrin in alldem sein, was die Menschen `Gräueltaten` nennen und dann noch sagen: das Leben ist schön.» (S. 202[1])

Ich will nun keinesfalls meine Situation mit jener von Etty vergleichen. Aber ihre Worte weisen mir Richtung und erneuern meine Hoffnung. «Das einzige menschenwürdige Verhalten, das uns in dieser Zeit noch geblieben ist: das Knien vor Gott.» (160) «Eine warme Welle steigt in mir auf: wie ist das Leben doch schön. Es ist ein unerklärliches Gefühl. Es findet keinerlei Halt in der jetzigen Realität in der wir leben. Aber es gibt doch auch andere Realitäten ausser denen, die man in der Zeitung liest… und mit Menschen diskutiert…: es gibt auch die Realität dieser kleinen, rosaroten Zyklame und den weiten Horizont, die man auch im Lärm und Wirrwarr dieser Zeit immer wieder entdecken kann.» (673[2]) «… ich bin bereit, in jeder Situation und bis in den Tod Zeugnis davon abzulegen, dass das Leben schön und sinnvoll ist und dass es nicht Gottes Schuld ist, dass alles so gekommen ist, sondern die unsere.» (141-142) «Ein schwerer Tag. Aber ich erhole mich immer wieder im Gebet. Und das werde ich wohl immer tun können, auch auf kleinstem Raum: beten.» (143)

So möchte ich der jetzigen Weltsituation, die mich quält, ein trotziges: Dennoch! entgegenhalten. «Dennoch wird regiert!» Und die Bindung an diesen, der regiert, soll auch mein Herz, das gerne mit grosser Sense über alles gehen möchte, die Liebe zu allem und die damit verbundene behutsame Geduld lernen. «Ich hasse niemand. Ich bin nicht verbittert. Wenn die allgemeine Liebe zu den Menschen sich einmal entfaltet hat, wächst sie ins Unermessliche.» (152)


[1] Zitate mit Seitenzahlen bis Seite 200 aus: «Das denkende Herz»

[2] «Ich will die Chronistin dieser Zeit werden»: Sämtliche Tagebücher und Briefe, S. 673

Was lehrt mich das?

Und was lehrt mich diese Liebe noch ausser der treuen Fürbitte? Zum einen ist mir seit Jahren von Gott die Einheit der Jesusnachfolgenden aufs Herz gelegt worden. Vielleicht gerade durch meine eigene Glaubensgeschichte und theologische Weiterbildung[1] sind mir die diesbezüglichen Sätze Jesu im Johannesevangelium (Joh 13,34.35; 17,20.21) zu wichtigen Prämissen für meine Predigten und Vorträge geworden. So glaube ich zutiefst, dass in unserer zunehmend polarisierten Gesellschaft und auch kirchlichen Landschaft die vorgelebte Einheit die mächtigste Einladung zur Jesusnachfolge darstellt. Mit Freuden sehe ich auch in diversen Begegnungen und Gemeinden, dass zunehmend die Einsicht wächst, dass eben nicht die einheitliche Lehre Garant für die Einheit sein kann, sondern das, was Paulus in Phil 2,5 schreibt: das «Gesinntsein» (phronein), wie Jesus. So versuche ich seit Jahren an verschiedenen Orten, die Liebe zu anderen Glaubenstraditionen zu wecken – oder zumindest Schätze aus ihnen anzubieten.[2]

Die Kirchengeschichte und die nachreformatorische Geschichte zeigen klar, dass wenn man die Einheit in der Lehre sucht, man nur wieder Spaltungen verursacht, denn unsere Erkenntnis ist eben Stückwerk, unabgeschlossen und daher bei uns allen wieder verschieden. Nicht die „reine Lehre“ ermöglicht die Einheit, sondern das «kenotische Christsein», das sich wie Jesus von allen Privilegien entäussert («kenoo»), das so zu leben versucht, wie Christus es vorgelebt hat (Phil 2,5-11). Er, dernicht auf das Eigene gesinnt war, sondern alles zugunsten von uns aufgab – bis in den Tod. Kenotisches Christsein achtet den anderen höher als sich selbst (Phil 2,3.4). Diese Gesinnung soll unser Vorbild sein, denn diese Gesinnung ermöglicht Einheit und sie führt in den Kirchen zur Einsicht, dass die Vorstellung: Hier sind wir, wir haben die Wahrheit. Da seid ihr, wir sagen euch die Wahrheit – nicht mehr funktioniert. Kenotisches Christsein predigt weniger und wird selber zur Predigt. Und gerade so erhält die Liebe, die allen gilt, Bedeutung. Getrieben von diesem Anliegen, habe ich zusammen mit anderen aus ganz verschiedenen Kirchen bei der Gründung des Vereins «Credivo»[3] mitgewirkt, einem Forum für Glaubenskommunikation.

Jesus zeigte auch in seinen verschiedenen Tischgemeinschaften, dass es ihm ein Anliegen war, unterschiedslos alle einzubeziehen, die bei ihm sein wollten. Diesen Menschen sagte und zeigte er: «So wie ich euch vorbehaltlos nahe bin und in meine Gemeinschaft aufnehme, genauso vorbehaltlos nimmt euch Gott als Vater in seine Gemeinschaft auf.» Diese Grundhaltung gewinnt in vielen Kirchen mehr und mehr Raum, was dazu führt, dass sie bunter und vielfältiger werden und auch mit patchworkartigen Glaubensbiographien rechnen, in denen der lebendige und gnädige Gott auf sehr unterschiedliche Weise gegenwärtig ist – vielleicht ganz anders als wir es gewohnt sind. Weil man nicht mehr so genau weiss, «wo Gott hockt» und wie er im Leben der Menschen wirken will, macht das offen dafür, dass wir Gott wieder ganz Gott sein lassen können, der eben ganz anders als nach unseren festen Vorstellungen im Leben der Menschen handeln und gegenwärtig sein kann. Das macht uns demütiger und wieder abhängiger von der Gnade.

Hier möchte ich auch Hand bieten, indem ich in ganz verschiedenen Gemeinschaften predige und dort versuche Jesus lieb zu machen – von der Studierendengemeinschaft der VBG, über die Regenbogenkirche bis hin zum katholischen Aki und der Vineyard-Gemeinde. Gerne setze ich mich auch für eine Vielfalt von Gottesdienstformen ein. Es freut mich, dass ich in verschiedenen Freikirchen das Aufbrechen einer fast zementierten Gottesdienstform (30 Min. Worship mit lauter Band; Info; 30 min. Predigt; Ministry Time) beobachten kann, dass Stille, liturgisches Gebet und Abendmahl wieder vermehrt Einzug halten.

Gerne setze ich mich auch dafür ein, dass die verschiedenen Gemeinden Orte der Gnade und Barmherzigkeit sind, bleiben oder werden. Und ich darf beobachten, dass das in vielen Kirchen schon der Fall ist. Dies geschah auch, weil diese Gemeinschaften ihre absoluten Wahrheiten und ihre klaren ethischen Orientierungen auf die zweite Stelle setzten und sich zuerst den Menschen in ihren unübersichtlichen und oft schwierigen Biographien zugewendet haben. Nach dem Vorbild Jesu sagen nun auch sie: „Auch ich verurteile dich nicht.“

Doch diese Barmherzigkeit muss immer wieder neu eingeübt werden. Vor allem, indem auf ein allzu rasches Urteilen verzichtet wird. Gerade wo die Christinnen und Christen die Mehrdeutigkeit der eigenen Welt, auch der Glaubenswelt und ihre eigenen Schäden und Verletzungen wahrnehmen können, wächst Barmherzigkeit, und nur barmherzig können Jesusnachfolgende Wegweiser zum barmherzigen Gott sein. Glaubende werden so zu demütigen Menschen, die nicht mehr von oben herab ihre Wahrheit und Ethik verkündigen, sondern den Mitmenschen als Bettler und Bettlerinnen begegnen, die anderen Bettlern sagen, wo es etwas zu essen gibt.

Die noch in Lausanne 1974 kontrovers diskutierte Vorstellung, dass die Verkündigung des Reiches Gottes eben auch eine sozialethische Seite beinhalten muss, scheint unterdessen in allen Gemeinden angekommen zu sein. Man meint nun nicht mehr, dass die Weitergabe des Evangeliums nur darin bestehe, dass man den Menschen sagt, was sie zu tun haben, damit sie in den Himmel kommen. Wie Jesus will man zuerst einfach bei den Menschen sein, in ihrer konkreten Not, ohne Vorbedingung und ohne Vorbehalt. Und gerade so können die christlichen Gemeinschaften glaubwürdig von ihrer Hoffnung reden, weil sie in ihrer Zuwendung zu den Menschen Anteil an der grossen Bewegung Gottes haben, der immer schon zu uns Menschen unterwegs ist.


[1] Als Katholik im evangelikalen VBG-Umfeld zum Glauben gefunden, verheiratet mit Sibyl aus der ref. Kirche, besuchte ich zuerst die reformierte Ausbildung zum Sonntagsschulhelfer, anschliessend die Ausbildung zum Laienprediger in der methodistischen Kirche, um anschliessend berufsbegleitend den TKL – Theologiekurs für Laien in der kath. Kirche zu absolvieren und schliesslich an der UNI-ZH noch AT, NT und Kirchengeschichte zu hören.

[2] https://erf-medien.ch/serie/podcast-glauben-denken/glaubenstraditionen-viele-wege-ein-ziel/

[3] https://credivo.ch/

Dankbar stelle ich auch fest

Dankbar stelle ich auch fest, dass viele christliche Gemeinschaften und Kirchen erkannt haben, dass sie das Evangelium den Menschen nur verkündigen können, wenn sie an deren Lebenswirklichkeit teilhaben und ihnen durch das Tun der Liebe in konkreter Zuwendung Bedeutung geben.

In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf eine weitere Entwicklung, die ich dankbar wahrnehmen kann. Es ist die Tendenz, dass viele christliche Gemeinschaften ihre Binnenzentriertheit aufgegeben haben und sich zunehmend von einer zu individualistischen Frömmigkeit abwenden. Gerade in den politischen Überzeugungen scheint bei einigen angekommen zu sein, dass nicht unsere Ängste und Interessen unser Wahl- und

Abstimmungsverhalten steuern sollen, sondern die Frage: Was würde Jesus in dieser Situation tun? Ich beobachte, wie diese Frage, die ich in meinen Kontakten den Glaubenden immer wieder vorlege, auch in rechtsbürgerlich-christlichen Kreisen, Überzeugungen wachsen lässt, die nicht mehr den Frieden durch Aufrüstung, Lebensqualität durch Ausschluss der Fremden und die Bewahrung der Schöpfung nicht nur als Anliegen der grünen Fundamentalisten sehen. In vielen ehemals jenseitszentrierten Gemeinden bricht die «evangelikale Gnosis[1]» langsam auf. Kirchen, die sich durch die vielen Kriege, den grossen materiellen Hunger und das unsägliche Elend berühren lassen, werden demütig und ehrlich. Denn auch sie werden von der Frage umgetrieben, wo denn in dieser Welt Gott noch zu finden sei und wann er denn endlich seine Herrschaft sichtbar aufrichten wird. Damit nehmen auch sie die Theodizeefrage ernst, also die Frage, wie man an den liebenden Gott glauben kann, angesichts all der Übel in seiner Welt, und verzichten darauf, so zu tun als würde die Frage nach Gottes Dasein in der Welt nur die Ungläubigen betreffen. Auch wir leiden am verborgenen Gott. Wie oben schon erwähnt, muss uns das vermehrt in die Fürbitte für die Welt führen.


[1] Evangelikale Gnosis meint einen Glauben, der einseitig auf die Erlösung und den Himmel fokussiert ist, und sich dadurch für die materielle Welt mit ihren Problemen nicht mehr verantwortlich weiss – ähnlich der antiken Gnosis,

Was ich lernte

In der VBG (Vereinigte Bibelgruppen) lernte ich, alle echten Fragen nicht zu verschweigen. Daher habe ich auch eine Veranstaltung für junge Erwachsene gegründet, die sich «Trau-Gespräche» nennt. In der Einladung schreiben wir: «Keine Angst, verheiraten wollen wir dich nicht. Aber trau dich, alle Fragen zu stellen.» Hier begegnen wir vielen jungen Christinnen und Christen, die keinen Zugang mehr zu ihren angestammten Gemeinden finden (sog. «Postevangelikale»). Zu oft seien sie mit ihren Fragen nicht ernst genommen und höchstens mit Bibelzitaten abgespiesen worden. Das Motto der VBG: «Tief glauben, weit denken» führt uns dazu, dass wir den existenziellen Fragen, den Fragen der Theologie und den Fragen, die durch Zweifel von innen und aussen aufsteigen können, nicht ausweichen. So möchten wir alle echten Fragen und Probleme offen aussprechen und dann bescheiden, selbst verunsichert und angefochten, Theologie und Nachfolge praktizieren. In aller eigenen Unsicherheit möchten wir auf Jesus hinweisen, den Einzigen, der uns in einer postmodernen Unübersichtlichkeit Trost und Halt geben kann. So möchten wir lernen, Jesus mehr zu vertrauen als unserem Bibelverständnis oder unserer konfessionellen Theologie, unseren Konzepten und eigenen Stärken. Wahlspruch darin soll uns das Wort Jesu an Paulus sein: «Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist im Schwachen mächtig.» In dieser Situation dürfen wir lernen, dass uns unsere Gewissheiten nicht glaubwürdiger machen. Doch gerade dann, wenn unsere eigenen theologischen Krücken wegbrechen, dürfen wir die Gegenwart des Parakleten erfahren, der uns lehrt und tröstet und auf Jesus verweist, und der uns hilft, gerade in unserer Schwäche die Verheissung zu sehen, dass eben ein anderer unserer Schwachheit aufhilft und uns gerade dadurch zum Hinweis auf jenen Gott macht, der sich ganz entäusserte und hilflos am Kreuz starb.

Autor: Dr. Felix Ruther

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