EINFÜHRUNG
„Was heisst im Zwischen leben“ ist der 1. Teil einer 4teiligen-Serie unter dem Thema „Wie begründen wir unsere Zuversicht“. Zuversicht darf sich nicht im „positiven Denken“ erschöpfen, sondern braucht tragfähige Grundlagen. Als Christen ist die Bibel für uns der Referenzpunkt, wenn wir ihre prophetische (Weg-weisende) Dimension ernst nehmen: Wie HAT sich Gott in der Geschichte OFFENBART – worauf ZIELT biblische PROPHETIE – wie beschreibt die Bibel die VOLLENDUNG?“
Was meinen wir damit?
- „Geschichte als Offenbarung“ – Gottes ultimative Offenbarung geschah in seiner Menschwerdung in Jesus Christus. Weiter gehen wir davon aus, dass er sich in der gesamten Schöpfung offenbart hat und weiter offenbart. Wir suchen seine Spuren in der Welt- und Kirchengeschichte und besonders im Menschen selber, der in die Schöpfung und Geschichte eingebunden ist. Die Bibel hilft uns in ihrem Gesamtzeugnis, ihn darin zu erkennen, auch wenn diese Erkenntnis immer Stückwerk bleiben wird. (1. Kor. 13,12)
- „Zielpunkt Prophetie“ – Prophetie hat in der Bibel verschiedene Facetten. Ihre Bedeutung ist oft vielschichtig, für uns oft mehr rätselhaft als „offenbarend“. Die Hauptzielrichtung der biblischen Prophetie ist die Vollendung der Herrschaft Gottes – und diese Herrschaft wird dazu führen, dass sich Recht und Gerechtigkeit ausbreiten, und ein umfassender Friede (Shalom) einziehen kann. Für unsere Gegenwart und neutestamentlich ausgedrückt: „Jesus-Verwirklichung“. Aus der persönlichen Beziehung mit ihm unsere Lebensweise umgestalten lassen, mehr und mehr leben, wie er lebt(e) – sowohl im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben. (Mass nehmen an der Bergpredigt – Matthäus 5-7)
- „Wesen der Vollendung“ – Alles „passt“ (Ganzheitliches auf Gott bezogen sein – neue Erde, neuer Himmel). Daraus Zuversicht schöpfen (Eph. 1,21-23 / Offb. 21,3-5) und heute diese Lebenspraxis einüben (1. Thess. 1,9-10 / Ps. 85,9-11)
Vollendung ist also ultimatives, kommendes Geschenk Gottes – und gegenwärtige Aufgabe, die Gott uns im „Zwischen“ anvertraut und zu der er uns befähigt, auch wenn sie hier fragmentarisch bleibt.
Dieses Verständnis bildet den Hintergrund auch für den Teil 1 – „Im Zwischen leben“
1 Was heisst im „Zwischen“ leben
Zuversicht ist eine positive Erwartungshaltung. Sie geht davon aus, dass Dinge, die jetzt nicht gut sind, gut oder mindestens besser werden.
Wenn wir als Christen Zuversicht „begründen“ wollen, müssen wir die Spannung zwischen JETZT und DANN ernstnehmen. Glaubwürdige Zuversicht muss den Bogen spannen zwischen Herkunft und Zukunft des Menschen, ja der ganzen Welt! Glaubwürdige Zuversicht nimmt meine persönliche Existenz im Heute und im Morgen ernst und genauso auch Gottes übergeordnete Geschichte mit der gesamten Schöpfung.
- Persönlich-geistliche Dimension
Wir erleben uns als vollkommen geliebt und angenommen von Gott – und gleichzeitig als Baustelle, als weiterhin unvollkommen Liebende, als im Alltag Scheiternde, als Erlösungsbedürftige.
Das Neue Testament ist sehr klar in der Darstellung des NEUEN Lebens in Christus und daneben total realistisch in der Bruchstückhaftigkeit des dargestellten Reiches Gottes durch seine Nachfolger. Die Reich-Gottes-Spannung ist nicht nur eine eschatologische Realität (s.u.), sondern durchzieht unsere ganze Lebensweise. «Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage ihm aber nach…» (Paulus in Phil. 3,12),
Wie können wir diese Spannung als geistliche Energie verstehen, die unserem Wachstum dient und unsere Sehnsucht nach Vollendung nährt? (Unserer verdorbenen Existenz sterben – der erlösten Existenz Lebensraum geben)
- Eschatologische Dimension (endzeitliche Dimension von Gottes Vollendung der Geschichte)
Wir leben ZWISCHEN angebrochenem und vollendetem Reich Gottes: ALLES wird neu!
– Verborgen und doch wahrnehmbar JETZT: Matth. 5,13-16; Lukas 10,9;17,21-25; Römer 14,17
– Offenbart und zweifellos wahrnehmbar DANN: 1. Kor. 15,24-28; Offb. 21,5
Abgesehen von biblischen klaren Hinweisen, was schon ist und was noch kommen wird: Wo erkennen wir in „Aufbrüchen des Reiches Gottes“ in Geschichte und Gegenwart diese „ZWISCHEN-Dimension“? NEUES ist entstanden – das NOCH NICHT ist ihm deutlich anzusehen – aber es trägt die Dynamik, das Wesen des KOMMENDEN in seiner DNA?
Wo prallen die Prinzipien des kommenden Reiches Gottes auf die Prinzipien des gegenwärtigen Reiches der Welt? Wie erkennen wir die Werte, die hinter bestimmten Prinzipien und Handlungsweisen stehen?
Diese „Zwischen-Existenz“ durchzieht die ganze Reich-Gottes-Thematik, ob in meiner persönlichen oder in der übergeordneten Dimension. Sie muss bei allen weiteren Themen dieses Workingpapers im Hintergrund präsent bleiben.
Auch wo schon deutliche Spuren der kommenden Herrschaft Gottes sichtbar werden, bleibt Menschliches und Göttliches auf dieser Erde noch vermischt. Das muss uns bewusst bleiben und macht uns demütig.
Wir wenden uns zuerst der persönlich-geistlichen Perspektive zu. Die eschatologische Perspektive «eröffnen» wir mit Blick auf praktische Hinweise, wie die Bibel unser Verhalten im Zwischen sieht. Ziel ist, sie im Kapitel 3 „Erwartung und Vollendung“ auch in prophetischer Hinsicht noch tiefer auszuloten.
1.1 Die persönlich-geistliche Dimension
Wie gehe ich persönlich mit der Erfahrung um, „vollkommen geliebt und angenommen von Gott – und gleichzeitig unvollkommen liebend, im Alltag scheiternd, erlösungsbedürftig“ zu sein? (s.o.)
Geistliches Wachstum – und daraus auch alltägliche „Lebenskompetenz“ findet in dieser Widersprüchlichkeit statt, die sich in der Geschichte Gottes, in der Bibel wie ein roter Faden durchzieht.
Wir sind aus geistlichem Tod GANZ ERLÖST – in eine neue Lebensexistenz geboren (Joh. 15,3f; 2. Kor. 5,17; Eph. 2,6) Gleichzeitig geht der «Sterbensweg» im neuen Leben radikal weiter (Röm. 7,14; Phil. 2,12). In der Gnade wachsen heisst, als Erlösungsbeschenkte erlösungsbedürftig bleiben.
Der Christ ist immer zugleich Sünder und vor Gott gerechtfertigt, weil Gott barmherzig ist. Wir müssen – und dürfen! – Abschied nehmen vom idealistischen und spirituellen Vollkommenheitsdenken. Unsere Fehler annehmen, eingestehen, das fördert unsere Entwicklung und die Sehnsucht nach Wachstum. Gleichgültigkeit (es ist ohnehin alles ok) verunmöglicht Entwicklung.
Christian Rutishauser bringt das recht provokant auf den Punkt:
„…nur wenn Ideale nicht eins zu eins umgesetzt werden müssen, sondern Attraktoren der Zukunft sind, die die Richtung weisen, woraufhin der Mensch unterwegs ist, lassen sie Freiraum zu leben und entfalten ihre Kraft. Der Mensch muss sich schuldig machen, sonst kann er nicht voranschreiten. Leben heisst für den Menschen, sich verstricken, schuldig machen und scheitern – dann immer wieder umkehren und neu anfangen.“ (Christian M. Rutishauser, Freiheit kommt von innen S.88 – Herder)
Zwei Hinweise aus dem 12. und 20. Jahrhundert erhellen für mich dieses Spannungsfeld. Wir bleiben Lernende – im Ringen um authentisches, geistliches Leben!
A. Aus der franziskanischen Spiritualität
„…Spiritualität bewegt sich …. zwischen Erdverbundenheit und Himmelssehnsucht. … Im Licht des Evangeliums wissen wir, dass Christus, wenn er wiederkommt, Himmel und Erde neu gestaltet. In der Spannung zwischen »schon» und «noch nicht» entsteht jene Energie, die wir Spiritualität nennen. Sie ist kontemplativ, weil alles Göttliche geschenkt ist und nur im Geschehen-lassen wirklich wird. Sie ist aktiv, weil wir mitgenommen sind in den Prozess der Inkarnation.
… Bei Franziskus ist es unmöglich zu sagen, ob er eher kontemplativ oder eher aktiv war. Er ist auch nicht in der Balance des »sowohl als auch». Er ist kein Mann der Mitte, schon gar nicht der Kompromisse. Er ist radikal und in einem gewissen Sinn sogar exzessiv. Es ist das «zwischen», was ihn fasziniert und was er leben will. Seine spirituelle Energie lebt in und kommt aus der Spannung. …
…helfen, die «Spannung Leben» und die «Spannung Glauben» auszuhalten und eben aus dieser Spannung Lebenslust und Glaubenskraft zu schöpfen. Sie sollen animieren, im «zwischen» zu leben und den Geist Gottes in der Welt zu entdecken, denn «unser Kloster ist die Welt» (Franziskus). …. Sie sollen Menschen nicht aus der Welt heraus, sondern in die Welt hineinführen. …
… Wenn Christen sich auf den Weg der Inkarnation einlassen, wenn sie sich «entäussern» (Phil.2+3), über sich selbst hinausschauen und hinauswachsen, wenn sie ihre – mitunter auch spirituell motivierte – Egozentrik aufgeben und von der Gestalt Jesus Christi ergriffen werden, dann verliert die pathogene Introversion (krankmachende Verinnerlichung) ihre Macht. Dann wird das Leben weit und im wahren Sinn des Wortes spannend.“ (Hartmut Schlegel – „Da kam Jesus hinzu“ – Arbeitshilfen 158, S.117ff https://www.dbk-shop.de/)
Unsere Existenz „zwischen Erde und Himmel“ ist nicht ein „Warten auf den Himmel“, sondern göttliches Leben INMITTEN der irdischen Realität. Einerseits sind wir dankbar für Zeichen, die das Zukünftige schon hier real aufleuchten lassen – andrerseits leiden wir an uns selber und mit der Welt am Unvollendeten, Zerbrochenen. Spannungsvoll! Nach Franziskus liegt gerade in dieser Spannung geistliche Energie! (Das Bild des Stromkreislaufs verdeutlicht es: zwischen Plus und Minus entsteht Spannung > KRAFT!)
Weder die Not der Welt noch die fehlende Vollendung des Reiches Gottes braucht uns lähmen! Das Bewusstsein, das Akzeptieren dieser natürlichen Realität des ZWISCHEN erzeugt in uns die Energie, das HEUTE von der inspirierenden Gewissheit der Zukunft her gestalten zu können.
Die Entäusserung (Phil. 2,6-11) ist nicht nur Christi Weg der Inkarnation – sondern auch unser Weg. Paulus beschreibt diesen Weg im Blick auf sich selber in Phil. 3,6-11. In Vers 19+20 fasst er die Grundspannung des Lebens in dieser Welt zusammen: Das Einzige, was sie (die Feinde des Kreuzes) interessiert, ist diese irdische Welt. Wir dagegen sind Bürger des Himmels, und vom Himmel her erwarten wir auch unseren Retter – Jesus Christus, den Herrn. ….
Das Bild der Partisanennester in positiver Deutung ist für mich hilfreich: Hier wird siegesbewusst nach den Regeln des kommenden Königreichs gelebt, gehandelt, geglaubt. Und eben nicht auf verlorenem Posten, sondern mit Zukunft: Der König WIRD siegreich kommen.
Halten wir inne: Kirche, lokal und global! – strahlen wir dies aus?
Paulus‘ Beitrag an die Welt war, diesen Partisanennestern zu Identität und Verbreitung zu helfen. Auf allen Ebenen der aktuellen persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen.
(Mehr dazu dann im 2. Thema „Blick in die Bibel, in die Welt, in unser Leben“)
Das zweite Zitat spricht die Gefahr einer Selbsttäuschung in unserer geistlichen Existenz an. Sowohl unsere (noch) christlich-humanistisch beeinflusste westliche Kultur – wie die auch stark in formellen Traditionen lebenden Christen aller Couleur erliegen ihr leichter, als uns bewusst sein mag.
B. Simone Weil: Die Fallen aller Fallen – die soziale Falle
(Glaube als radikal vertrauende Beziehung und die Gefahr seiner veräusserlichten Nachbildung) Simone Weil, Unglück und Gottesliebe, S. 213)
„Die Falle der Fallen, die fast unvermeidbare Falle ist die soziale Falle. Überall, immer in allen Dingen verschafft das soziale Gefühl eine vollkommenere, das heisst eine völlig trügerische Nachbildung des Glaubens. Diese Nachbildung hat den grossen Vorteil, alle Teile der Seele zufriedenzustellen. Der Teil, der das Gute begehrt, glaubt, dass er Nahrung empfange. Der Teil, der mittelmässig, entgeht der Verletzung durch das Licht. Es fühlt sich durchaus behaglich. Und so ist alle Welt einverstanden. Die Seele ist im Frieden. Aber Christus hat gesagt, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen. Er hat das Schwert gebracht, das trennende Schwert…
Es ist beinahe unmöglich, den Glauben von seiner sozialen Nachbildung zu unterscheiden. Umso mehr als in der Seele ein Teil echten Glaubens, und ein Teil nachgemachten Glaubens sein kann. Es ist beinahe unmöglich, aber dennoch nicht unmöglich.
Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es für den Glauben vielleicht eine Frage auf Leben und Tod, dass man die soziale Nachbildung zurückweist.“
(Simone Adolphine Weil -1909-43 – war eine französische Philosophin, Dozentin und Lehrerin sowie Sozialrevolutionärin jüdischer Abstammung. Sie war politisch und sozial stark engagiert und hat Aktion und Kontemplation verbunden. – Wikipedia)
Um ein Missverständnis zu vermeiden:
Es geht nicht darum, Menschen in ihrem sozialen Engagement zu diskreditieren – weil sie vielleicht tatsächlich eine lebendige Gottesbeziehung nicht kennen. Gott sieht ihr Herz und wie er ihr Engagement schlussendlich beurteilt, dürfen wir gerne ihm überlassen.
Ich sehe die Gefahr viel mehr in einer fehl geleiteten – oder gar bewusst gewählten – „christlichen“ Formalität, Handlung oder Wortwahl, durch die man sich selber bestätigt; in einer Aktivität, die aus eigenen Ressourcen schöpft und nicht aus der geschenkten Gnade. Dass dabei auch viel Gutes geleistet wird, sollten wir durchaus schätzen, und auch die Zusammenarbeit mit diesen Leuten positiv fördern.
(Dies näher zu betrachten, sprengt hier den Rahmen. Sehr hilfreich zu Möglichkeiten und Grenzen in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen- und Interessengruppen ist das Buch: „Uncommon Ground: Living Faithfully in a World of Difference“ Timothy Keller und John Inazu. Download als pdf
Beim Gedankengang von Simone Weil geht es aus meiner Sicht um
das Bewusstsein, dass wir eben im Zwischen leben, auch was unsere eigene Wahrnehmung betrifft. Selbst Paulus kannte diese Vermischtheit von „Wollen und Vollbringen“ (Römer 7). Wir haben durch Gottes Geist nicht nur einen klareren Blick für unsere Welt, sondern auch für uns selber – unsere fragwürdigen Motive und auch unausweichliche Beteiligung an Bösem in dieser Welt. Ein radikales Angewiesensein auf immer wieder neue, quellfrische Gottesbeziehung kann uns allein davor bewahren, Nachbildungen für das Echte zu halten. Wir entschuldigen uns nicht damit, halt „auch einfach nur Menschen zu sein“, sondern bekennen unsere Schwäche und verweisen auf unsere Abhängigkeit. Und darin dürfen wir zuversichtlich sein, weil das schlicht und einfach noch zu unserem ZWISCHEN gehört.
Wir weisen also auch nicht das Gute zurück, das durch Menschen „guten Willens“ geschieht – aber wir stellen uns selber der Selbstprüfung in der Gegenwart Gottes: Lebe ich aus Gnade und Barmherzigkeit allein – schmecke und sehe ich, wie gut Gott ist – oder verliere ich mich in Aktivitäten ohne Ewigkeitsbezug? Karl Rahner formuliert treffend: „Der Christ der Zukunft ist Mystiker, oder er ist nicht.“ Christliche Mystiker kommen nicht ohne persönlichen Gottesbezug aus, weil nur darin umfassendes Leben ist.
„Die Nachbildung zurückweisen“ – Simone Weil – ist für mich eine Steilvorlage, diese „Zwischenrealität“ bewusst zu machen, ehrlich anzuschauen und mich nach authentischer, ehrlicher Gottesbeziehung auszustrecken. Hier küsst sich Himmel und Erde – mitten im Zwischen!
Sehr hilfreich geht John Coe auf diese Thematik ein – pdf: “Moving From Moral to Spiritual Formation: Redirecting the Heart in the New Covenant”
Wenn wir tiefer verstehen, wie wir persönlich in dieser «Zwischen-Existenz» leben, wird es uns leichter fallen, uns der eschatologischen Dimension, der grossen Geschichte Gottes anzunähern. Auch bei allen unbeantworteten oder neu auftauchenden Fragen!
Die Realität von Zeit UND Ewigkeit schafft in unserer Wahrnehmung eine „Dauerspannung“. Sie macht uns deutlich – wir bleiben in der Welt verhaftet, und haben dennoch schon Zugang zur Ewigkeit durch unsere Beziehung zu Gott. Wir sehen die Not der Welt, sind auch Teil dieser Not – und leiden unter ihr. Das nährt die Sehnsucht nach Vollendung des Reiches Gottes.
Zwischen diesen beiden Polen – schon erlöst und noch nicht vollendet – wächst geistliche Energie. (Phil. 3,12 – eigentlich 7-14). Wir lernen dabei
- die Weltsituation realistisch und aus Gottes Perspektive zu sehen und ins Gebet zu nehmen
- den Faden von Herkunft – Entwicklung – Zukunft in der Geschichte zu verfolgen
- uns in der Gegenwart mit Hoffnungsperspektive (Zuversicht) zu investieren.
1.2 Die eschatologischen Dimensionen
Endzeitliche Dimension von Gottes Vollendung der Geschichte
Dieser Teil beschäftigt sich mit Aussagen des Neuen Testaments, wie wir in der Vorbereitungsphase der Wiederkunft Jesu – der Vollendung des Reiches Gottes leben sollen. Den grösseren Rahmen dazu geben die beiden anderen Unterthemen
2. Blick in die Bibel – in die Welt – in unser Leben und
3. Erwartung und Vollendung
Folgende Fragen stehen hier im Vordergrund, immer im Blick auf das Reich Gottes:
- Wie erleben wir die Spannung des „SCHON JETZT <–> NOCH NICHT“?
- Welche Hinweise gibt uns die Bibel für diese „Zwischen-Existenz“?
- Worin wird das „SCHON JETZT“ sichtbar –
- wie gehen wir mit dem „NOCH NICHT“ um?
Geben uns diese Bibeltexte dazu Antworten und wie helfen sie uns, Zukunftserwartung gesund und realistisch wachsen zu lassen?
Die folgenden Ausführungen sind eine Verarbeitung eines Vortrags von Dr. Felix Ruther zum Thema „Endzeit – Zeit der Angst oder Zeit der Hoffnung“
Was sollen wir tun?
Was Jesus in der Endzeitrede sagt, zielt hauptsächlich darauf, uns eine besondere Hilfe zum christlichen Leben zu geben. Es ist die Hilfe zum Leben als Geschichtswesen, also als Menschen, die in die Geschichte Gottes eingebunden sind. Die Hilfe besteht nicht in Prophezeiungen, Berechnungen, Hinweisen auf Einzelheiten im historischen Ablauf oder auf einzelne Personen und bestimmte Geschehnisse. Sie besteht nicht in der Befriedigung einer noch so heiligen Neugierde. Sie besteht in etwas ganz Anderem. Jesu Reden ist nicht ein Reden über die Krise der Welt, sondern ein Reden in der ständigen Krise der Welt.
Das Dasein der Christen bedeutet ein charismatisches Dasein – ein geisterfülltes Dasein – unter dem apokalyptischen (endzeitlichen, verhängnisvollen) Himmel. Jesus will uns dazu Hilfe geben. Die ersten Christen lebten in einer starken Früherwartung der Wiederkunft Jesu – dennoch waren sie tätig.
Das WIE heute leben ist viel wichtiger als WANN wird es geschehen.
Und hier ist der Grundton: Wachet!
• Verführer lauern – darum wachet!
• Katastrophen sind auf dem Weg – darum wachet!
• Schlachtfeld ist die Welt – darum wachet!
Die Wachsamkeit ist die Tugend des Gegenwärtigen.
Der Wache ist der ganz Gegenwärtige. Mit seinem „Wachet!“ bindet Jesus jede Christengeneration an ihre eigene Gegenwart – als die Mitte ihrer Zeit. Wer wacht, dem wird die eigene Zeit durchsichtig und der schaut auch genügend klar über die irdische Zeit hinweg. Der sieht durch alles Zeitliche hindurch die Vollendung. Wer wacht, wird nicht der Angst anheimfallen, sondern Grund zur Hoffnung finden.
Augustinus: „Nicht derjenige liebt die Wiederkunft des Herrn, der sagt, sie liegt noch in der Ferne; auch nicht der, der sagt, sie steht unmittelbar bevor; sondern derjenige, der sie mit ernstem Glauben, fester Hoffnung und brennender Liebe erwartet, ganz gleich, ob sie fern oder nahe ist.“
Zwei Bilder für das „eschatologische Amt“
Der Türhüter (Markus 13,34)
Jesu Auftrag an seine Nachfolger – Wach sein, nach aussen UND nach innen. Das kommt in besonderer Weise im zweiten Bild zum Ausdruck:
Der Haushalter (Matthäus 24,43-52)
„Dass er sie speise zur rechten Zeit“(45) – darin fasst Jesus dieses Amt zusammen. „Wenn nun sein Herr kommt und ihn bei der Arbeit findet – wie glücklich ist da der Diener zu preisen!“(46)
So nüchtern und gelassen soll die Gemeinde unter dem apokalyptischen Himmel lebt. Einfach ganz hingegeben dem täglichen Amt des Sachwalters. „Dass er sie speise“ heisst, dass er nichts weiter tue als das Leben erhalten. Alles, was wir in seiner Abhängigkeit lebensfördernd tun – wie wir das seelische, geistliche und materielle Leben aller Geschöpfe nähren, das ist Reich-Gottes-Arbeit.
Das sollen wir tun – und dabei wachsam sein.
3 Gefahren:
1. Nichtstun
Nihilismus im frommen Gewand: Die Welt geht eh zugrunde!
Nein, gebt ihnen Speise zur rechten Zeit und (vgl. Mt 25).
2a. Verdiesseitigung:
Reich Gottes-Bau ohne Gott (krass: 3. Reich – bis Putin heute. Vermischter bis subtil: USA u.a. – jede „Institution“, die „Programm macht“ vgl. unter 1.1 „Die Falle aller Fallen“)
2b. Vergeistigung:
Reich Gottes ist (nur) im Innern oder (nur) im Jenseits (diese Welt lässt uns kalt).
3. Kraft- und Zeitverschwendung:
Spekulationen und Streitereien um Endzeitfragen.
„Jenen Tag und jene Stunde … kennt nur der Vater.“ Mt 24,36
Endzeit: Grund zur Angst oder Grund zur Hoffnung?
Angst:
„In der Welt werdet ihr hart bedrängt. Doch ihr braucht euch nicht zu fürchten (habt Mut): Ich habe die Welt besiegt.« (Joh. 16,33)
In Zeiten der grössten Bedrängnis, gibt es nur eine vernünftige Strategie: Ich halte mich auf die Seite der Sieger. Jesus hat den Sieg schon errungen.
Hoffnung:
„Wenn diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und fasst Mut, denn dann ist eure Erlösung nahe.“ Lukas 21,28
Das Elend hat ein Ende, das Halbe wird ganz. Gerechtigkeit wird gesprochen all den namenlosen Kindern und Menschen, die vergewaltigt und gemartert wurden. Die scheinbare Absurdität dieser Welt hat ein Ende. Tod und Teufel haben keine Macht mehr. Auch die ganze Schöpfung darf aufatmen und wird erneuert (Röm 8). Die Welt wird endlich zu dem, was Gott seit der Schöpfung geplant hat – zu etwas Wunderbarem.
1.3 Ein paar persönliche Beobachtungen
Seit ich mich vertiefter mit der „Zwischen-Existenz“ beschäftige, begegnet mir die Realität davon in der Bibel und im Alltag immer bewusster. Hier einige nicht systematisierte Beispiele
Dadurch, dass Du in mir – ich in Dir lebe – (Joh. 15,4+5 / Kap.17!) gilt eine geistliche UND ganzheitliche NEUE Realität. Geistliches-Ewiges ist immer GENAUSO präsent wie das Menschliche-Endliche. Auch wenn das Endliche „näher liegt“ – es ist schon aufgehoben im Ewigen! (Kol. 3,1-4!) Es fällt NICHTS mehr „aus dem Rahmen“. Selbst das Schrägste, das mir widerfährt, bleibt dazu bestimmt, mich zur Vollendung zu bringen. Nicht das „Schräge an sich“ macht Sinn – aber ich kann jede Situation als Wachstumsimpuls zu sehen versuchen und ihm dadurch einen Sinn abringen. Dafür zu danken, das lernen wir bei Jesus, v.a. in Gethsemane (Luk. 22,41-43) – und auch bei Paulus. vgl. auch Römer 8,28 und 29. Im «ZWISCHEN» ist noch vieles widersprüchlich und real unvollkommen. Aber wir SIND versorgt! (Johannes 6,3)
Ein persönlich-globales Verständnis von diesem ZWISCHEN hat mir Epheser 1 eröffnet. Darüber kann – muss man wohl – länger meditieren…. Mich hat besonders die Version von Eugene Peterson in „The Message“ sehr angesprochen, die ich hier in einer eigenen Verdeutschung wiedergebe:
„3 Wie gesegnet ist Gott! Und was für ein Segen er ist! Er ist der Vater unseres Meisters, Jesus Christus, und führt uns zu den Höhepunkten des Segens in ihm. 4 Lange bevor er die Grundlagen der Erde legte, dachte er an uns, hatte sich auf uns als Fokus seiner Liebe festgelegt, um durch seine Liebe vollkommen und heilig gemacht zu werden. 5 Vor langer, langer Zeit beschloss er, uns durch Jesus Christus in seine Familie aufzunehmen. (Wie er sich freute, diesen Plan auszudenken!) 6 Er wollte, dass wir in den Festsaal seiner großzügigen Gabe durch die Hand seines geliebten Sohnes eintreten. 7 Durch das Opfer des Messias, sein Blut, das auf dem Altar des Kreuzes vergossen wurde, sind wir ein freies Volk – frei von Strafen und Sanktionen, die all unsere Missetaten nach sich ziehen würden. Und nicht nur einfach befreit «von». In vollem Überfluss frei! 8 Er dachte an alles, was wir je brauchen könnten, und ließ uns an den Plänen teilhaben, die er so gerne machte. In Christus hat er alles vor uns ausgebreitet, 10 einen langfristigen Plan, in dem alles zusammengeführt und in ihm zusammengefasst wird, alles im tiefsten Himmel, alles auf dem Planeten Erde. 11 In Christus entdecken wir, wer wir sind und wofür wir leben. Lange bevor wir von Christus hörten und unsere Hoffnungen geweckt wurden, hatte er ein Auge auf uns und bereitete ein herrliches Leben für uns vor. 12 In allem und jedem von uns arbeitet er daran, dass wir ein Teil seines Gesamtziels werden können. 13 In Christus seid ihr, nachdem ihr die Wahrheit gehört und ihr vertraut habt (diese Botschaft eurer Erlösung), frei geworden – vom Heiligen Geist bestätigt, versiegelt und befreit. 14 Dieses Siegel Gottes ist der erste Anteil von dem, was kommt, eine Erinnerung daran, dass wir alles bekommen, was Gott für uns geplant hat, ein Leben, das ihn lobt und verherrlicht. 15 Als ich vom festen Vertrauen hörte, das ihr in den Meister Jesus habt, und wie ihr überfliessende Liebe an alle Christen weitergebt, 16 konnte ich nicht aufhören, Gott für euch zu danken – jedes Mal, wenn ich betete, dachte ich an euch und dankte. 17 Aber ich danke nicht nur. Ich bitte – bitte den Gott unseres Meisters, Jesus Christus, den Gott der Herrlichkeit -, euch verständig und weise zu machen, um ihn persönlich zu erfahren, 18 eure Augen klar zu fokussieren um genau sehen zu können, wozu er euch beruft. Ihr sollt begreifen, wie unermesslich diese herrliche Lebensweise ist, die er für Christen hat. 19 Oh, die völlige Extravaganz seines Werkes in uns, die ihm vertrauen – endlose Energie, grenzenlose Kraft! 20 All diese Energie kommt von Christus: Gott erhob ihn vom Tod und setzte ihn auf einen Thron im tiefen Himmel, 21 verantwortlich für die Leitung des Universums, alles von Galaxien bis zu Regierungen, kein Name und keine Macht sind von seiner Herrschaft ausgenommen. Und das nicht nur jetzt und vorläufig, sondern für immer. 22 Er ist für alles verantwortlich, hat das letzte Wort über alles. Im Zentrum all dessen steht Christus, der die Gemeinde regiert. 23 Die Kirche, wie ihr seht, ist nicht peripher zur Welt; die Welt ist peripher zur Kirche. Die Kirche ist der Leib Christi, in dem er spricht und handelt, durch den er alles mit seiner Gegenwart erfüllt.“
Jes. 43,1-5 – Nach einer Meditation dieser Verse notierte ich (ohne auszublenden, dass diese Zusagen zuerst einfach dem Volk Gottes galten):
Dass ich geschaffen bin, ist Faktum – alles andere ist lebendige, fortlaufende Gegenwart.
Erlöst sein – und gleichzeitig erlösungsbedürftig zu bleiben, ist ein Paradox.
Aber ich bin in diesem Paradox („zwischen“) zugehörig – ich gehöre Gott, von ihm geliebt.Von der Vollendung her denken und leben Hebr. 12,1+2 …den Anfänger und Vollender des Glaubens – französisch: der den Glauben hervorbringt (gebärt) und ihn (aktiv) zur Vollkommenheit führt. Jesus hat BEIDES in seiner Hand – Ewigkeit (eschatologisch) und Gegenwart (irdisch persönlich) trifft sich!
Anhang – Anregungen zu Vertiefung
Zur Einführung
– Was löst die „steile“ Aussage aus – was ist stimmig für mich, wo melden sich Fragen oder Widerspruch?
1. Was heisst im „Zwischen“ leben
– Ohne schon in die Details zu gehen – wie erlebe ich die Spannung „jetzt schon – noch nicht“ in meinem persönlichen Leben und in meiner „globalen“ Wahrnehmung? Beeinflusst sie meinen Alltag?
1.1 Die persönlich-geistliche Dimension
– „… als Erlösungsbeschenkte erlösungsbedürftig bleiben“ – wie verhält sich diese Aussage zu den klaren Erwartungen, dass Jesus in uns lebt, wir „Kinder des Lichts“ sind, dass die Frucht des Geistes (Gal 5,22) in uns sichtbar wird?
– Zitat Christian Rutishauser „Attraktoren der Zukunft“ – was motiviert mich, trotz meines Scheiterns ungebrochen auf die hohen Ansprüche hinzustreben, die im Neuen Testament beschrieben werden?
– (S.4 oben) „Partisanennester ….. strahlen wir dies aus“? – Inwiefern erleben/fördern/hindern wir es?
– (S 4+5) Zitat Simone Weil mit Erläuterungen: Wo beobachte ich bei mir / in unserer Kirche / in unserer „christlichen Gesellschaft“ (?) die soziale Falle? Wie vermeiden wir sie persönlich und in der Kirche?
– Diskutiert das Zitat von Karl Rahner „Der Christ der Zukunft…“
1.2 Die eschatologische Dimension
Vorschlag – die 4 Fragen am Anfang dieses Teils reflektieren wir anhand des gefolgten Textes.
Hinweis:
Der Blogbeitrag Im Zwischen leben ist Teil der Serie Wie begründen wir unsere Zuversicht. Der dazugehörige Teil Zuversicht praktisch wurde bereits im Blog veröffentlicht: https://ttc-cornerstone.org/zuversicht-praktisch/ und https://ttc-cornerstone.org/zuversicht-praktisch-2/
Die Teile Blick in die Bibel, in die Welt, in unser Leben und Erwartung und Vollendung – die Rolle der Prophetie befinden sich in der Planung.
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